Das Wort Krisensicherheit hat im vergangenen Jahr stark an Bedeutung gewonnen. Umso bemerkenswerter, wenn das Prädikat mit der Note „hervorragend“ ausgezeichnet wird. So geschehen für den Bereich operative Lebensversicherer der Versicherungsgruppe die Bayerische. Im aktuellen Map-Report des Analysehauses Franke und Bornberg zur Stabilität der Berufsunfähigkeitsversicherer. Im Interview erläutert Dr. Herbert Schneidemann, Vorstandsvorsitzender der Bayerischen, wie die Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) der Marktentwicklung trotzt.

Redaktion: Herr Dr. Schneidemann, mit welchen Argumenten können Vermittler ihre Kunden für die BU sensibilisieren?

Dr. Herbert Schneidemann: Ich finde die wesentliche Frage an die Kunden ist: Was ist ihr monetär wertvollstes Gut? Viele antworten hierauf vermutlich mein Haus, mein Auto oder meine Uhr. In diesem Sinne lässt sich schnell darauf hinweisen, dass das eigentlich Wertvollste die eigene Arbeitskraft ist.

Jemand, der einen Gegenstand bei sich stehen hätte, der mehrere Hunderttausende wert ist, würde diesen vermutlich absichern. Darauf, dass die eigene Arbeitsleitung mindestens ebenso viel wert ist, kommen die wenigsten.

Es geht dabei nicht darum Ängste zu schüren, sondern für den eigenen Wert zu sensibilisieren. Das Risiko ist hier sehr abstrakt und die Arbeitskraft wird als selbstverständlich erachtet.

Redaktion: Wie stellt die Bayerische sicher, dass sich die BU auch langfristig lohnt?

Dr. Herbert Schneidemann: Auch hier stellt sich eine Grundfrage: Wann lohnt sich eine Versicherung? Entscheidend ist, wie sicher das Preis- Leistungsversprechen ist. Für die Orientierung des Kunden gibt es die entsprechende Produktratings. Und hier schneidet die Bayerische traditionell – wie auch aktuell – sehr gut ab. Um die Versprechen halten zu können, spielt natürlich auch eine entsprechende Finanzstärke eine Rolle. Und letztlich kommt es auf die Kompetenz an. Nicht jede Bewegung am Markt soll mitgemacht werden. Nur weil es sich gerade anbietet, versichern wir nicht plötzlich ohne Gesundheitsprüfung. Langfristig würden die Prämien steigen oder die Leistung könnte nicht gehalten werden. Das wäre vor allem für bestehende Kunden ein unfairer Nachteil. Die Anerkennungsquote muss in einem bestimmten Bereich liegen. Dann hat ein Unternehmen auch eine BU-Kompetenz.

Ein Kunde, der bei uns die Berufsunfähigkeit abgesichert hat, kann daher sicher sein, dass diese auch entsprechend abgesichert ist.

Redaktion: Inwiefern ist das ein Gegenargument der Bayerischen hinsichtlich schwankender Garantien am Markt und dem anhaltenden Niedrigzinsumfeld?

Dr. Herbert Schneidemann: Zunächst mag es überraschen, dass Finanzstärke auch bei der BU eine Rolle spielt. Schließlich handelt es sich primär um ein weniger zinsabhängiges sondern biometrisches Produkt. Nun ist allerdings die Mindestzuführungsverordnung zu berücksichtigen, die regelt, wie die Kunden an den Überschüssen zu beteiligen sind. Verluste im Kapitalanlagebereich können so durch Risikogewinne ausgeglichen werden.

Ein Unternehmen, das keinen großen BU-Bestand, aber dafür einen hohen Bestand an kapitalbildenden Versicherungen hat, muss für entsprechende Produkte viel Zinszusatzreserve stellen. Bei dem aktuellen Zinsumfeld entstehen Verluste im Kapitalanlagebereich. Wenn entsprechende Risikoüberschüsse für die Zinsverstärkung verwenden zu müssen, gehen sie der BU verloren. Die Bayerische Leben hat über 60 Prozent Biometrische Produkte im Bestand, über 30 Prozent Fondsgebundenes und das zinsabhängige Geschäft liegt lediglich im einstelligen Prozentbereich. Die  Risikoüberschüsse kommen so im eigenen Bestand des Kunden an. Eine solche Kombination ist am Markt selten.

Redaktion: Welche Neuerungen beinhaltet der aktualisierte BU-Tarif der Bayerischen?

Dr. Herbert Schneidemann: Die Berufsunfähigkeitsversicherung ist ein eher dynamisches Produkt. Dadurch unterliegt sie regelmäßigen Innovationszyklen. Denn: Der Bedarf der Kunden ändert sich immer wieder. Die Deckung verbessert sich hierbei stetig. Das Produkt wird zunehmend kundenorientiert. Grunderneuert wird sie etwa alle drei Jahre. Bei den aktuellen Neuerungen handelt es sich um ein jährliches Facelifting. Hier wurde beispielsweise die Teilzeitklausel verbessert. Damit stellen wir Teilzeit- Vollzeittätigen gleich. Für Schüler, Studenten und Azubis gibt es eine Erweiterungsgarantie. Hier haben wir diverse Einsteigerprodukte. Diese fangen günstig an, sind mit diversen Nachversicherungsgarantien verbunden und können ohne Gesundheitsprüfung angepasst werden.

Redaktion: Was bedeutet das konkret?

Dr. Herbert Schneidemann: Bei der Ernstaufnahme eines unbefristet Berufstätigen im Rahmen der Nachversicherungsgarantie kann die Jahresgarantie um 12.000 Euro aufgestockt werden. Wenn sich der Schüler auf eine Rente von sagen wir 1.000 bis 1.500 Euro versichert hat, kann er in seinem zukünftigen Beruf – unabhängig davon, was er verdient – monatlich um 1.000 Euro aufstocken. Für sie ist die Absicherung ihrer künftigen Erwerbstätigkeit ob der Laufzeit sehr relevant. Die Nachversicherungsgarantie erfolgt künftig im bestehenden Vertrag. Bisher wurden neue Verträge abgeschlossen. Alles in allem sind es risikogerechte Anpassungen, die weder unkalkulierbar sind, noch aus Verrücktheiten entspringen. Denn:

Das Kollektiv muss geschützt werden.

Redaktion: Inwieweit beeinflusst die Corona-Krise das Thema BU? Ergeben sich dadurch Chancen für den Vermittler?

Dr. Herbert Schneidemann: Der Zusammenhang zwischen Corona und Berufsunfähigkeit wird noch spannend und sicherlich komplex. Insgesamt sind wir absatzmäßig sehr nahe am Rekordjahr 2019. Was man auf jeden Fall kurzfristig sagen kann: Im Leistungsbereich ist in der Branche aktuell noch kein coronabedingter Anstieg der Leistungsfälle zu verzeichnen. Es gibt den ein oder anderen Leistungsfall, bei dem sich Corona auf die Psyche auswirkt. Gerade in einigen Branchen, die bald ein Jahr geschlossen haben, ist die psychische Belastung hoch. Statistisch ist das bisher jedoch nicht signifikant. Interessant wird es hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung und deren Auswirkung auf die BU.

Redaktion: Inwieweit könnte das zukünftige Abschlüssen beeinflussen?

Dr. Herbert Schneidemann: Aus der Vergangenheit wissen wir, dass eine Abhängigkeit aus langfristiger Arbeitslosigkeit und Abschlüssen einer Berufsunfähigkeitsversicherung besteht. Handlungsbedarf könnte hinsichtlich der Untersuchungsgrenzen bestehen. Ab einer bestimmten Summe ist der Versicherungsnehmer verpflichtet, zum Arzt zu gehen. Die Bereitschaft eine Praxis aufzusuchen, war in den vergangenen Monaten jedoch gering. Entsprechend haben wir die Untersuchungsgrenzen angepasst, um hier entgegenzukommen. Ein offensichtlicherer Punkt ist mit Sicherheit, dass bei dem ein oder anderen das Bewusstsein für die eigene Arbeitskraft gestiegen ist. Selbst, wenn aktuell die finanziellen Mittel beim Versicherungsnehmer begrenzt sind, birgt dieses Bewusstsein Potential für die Zukunft. Selbstverständlich spielt hinsichtlich aktueller Abschlüsse eine Rolle, wie gut sich Vermittler den digitalen Tools angenommen haben, um eine breitere Masse zu erreichen und Ressourcen zu nutzen.

Titelbild: © die Bayerische