Nach längerer Corona-Zwangspause startete der TSV 1860 München Mitte September erfolgreich in eine neue Saison. Derzeit noch ohne Fans im Stadion, aber mit größter Arbeitsmoral und erhöhtem Sponsoring-Volumen durch die Bayerische. Im Gespräch erzählt Trainer Michael Köllner, wie sich die Mannschaft fit hielt, welche Entwicklungen es im Kader gab und er gibt auch einen Einblick in sein Bücherregal.

Redaktion: Der Saisonauftakt war erfolgreich: Die Löwen haben in der bisherigen Drittligasaison noch keine Niederlage eingesteckt und das erste Spiel als Sieger verlassen. Worin liegt jetzt der Schlüssel für eine erfolgreiche Saison?

Michael Köllner: Weiter an uns als Mannschaft zu arbeiten und jeden Spieler zu entwickeln. Es wäre fatal, schon jetzt ein Saisonziel auszugeben. Wir tun sicherlich gut daran, uns Woche für Woche Themen für die Entwicklung der Mannschaft und für jeden einzelnen Spieler vorzunehmen. Durch Corona ist eine langfristige Planung ohnehin kaum möglich.

Ich möchte mir keine Gedanken über nächsten Mai machen, solange wir nicht wissen, was die nächsten acht Wochen sein wird.

Im Fußball wie auch im Leben kann ohnehin immer etwas dazwischenkommen. Seien es Verletzungen von Schlüsselspielern oder auch der Fan-Support. Für den TSV 1860 München ein ganz wichtiger Faktor. Allesamt Parameter, die ein Saisonziel torpedieren können. Dennoch haben wir natürlich ein Ziel vor uns. Das lautet: Die Saison bestmöglich abzuschließen. Wir wollen Woche für Woche besser werden. Für mich ist es das Wichtigste, zu erkennen, dass sich die Spieler unter der Woche massiv anstrengen. Zu sehen, dass sie ihr Bestes geben, ist für mich entscheidend. Wofür es am Ende reicht, können wir erst in der Schlussphase der Saison ablesen. Wir gehen die nächsten Schritte, hoffen, nicht zu fallen und stattdessen schnurstracks voran zu kommen.

Redaktion: Sascha Mölders ist seit dieser Saison neuer Kapitän. Was waren die Gründe, ihm die Kapitänsbinde zu geben?

Michael Köllner: Ein Kapitän muss die Mannschaft im Blick haben und führen können. Ist die Mannschaft im Innenleben intakt? Ist die Struktur in Ordnung? Auf diese Themen hat der Kapitän einen großen Einfluss. Ich denke ab einem gewissen Alter ist das Wichtigste immer, dass die Lust am Fußball nicht verloren geht. Auch den Schweinehund, jeden Tag aufzustehen und ein quälendes Training zu absolvieren, gilt es zu überwinden. Mit 35 tut der Körper mehr weh als mit 20. Auch die Art, wie wir Fußball spielen, muss dem Spieler entgegenkommen. Ich glaube, Sascha fühlt sich in unserer Spielsystematik sehr wohl. Sie bringt ihn in eine gute Situation, in die er sich auch durch Vorlagen oder als Torschütze einbringen kann. Und er hat meistens Gefallen an unserem harten Training (lacht).

Redaktion: Im ersten Spiel setzte Sascha Mölders in seiner neuen Rolle den Schlusspunkt. Auch Quirin Moll lieferte nach über einjähriger Auszeit ebenfalls ab. Tolle Leistungen, nach der Zwangspause. Wie sind Sie mit dem derzeitigen Kader zufrieden? Wo liegen die Stärken?

Michael Köllner: Zufrieden ist ein schwieriges Wort. Wir werden jeden Tag schauen müssen, dass die Mannschaft intakt ist. Bereits im Vorfeld einer Saison machen wir uns viele Gedanken. In der Vorbereitung lernt man die Mannschaft und damit auch Stärken und Schwächen kennen. Ab dem ersten Tag versuchen wir, das Team Schritt für Schritt auf das jeweils nächsthöhere Niveau zu bringen. Das ist sicherlich über Trainingsarbeit möglich, aber auch über Transfers oder eine veränderte Kaderplanung. Aber natürlich funktioniert nicht jeder Transfer. Das kann an Geld oder Angebot liegen. Auch die Konkurrenz und der Zeitpunkt sind entscheidend.

Wir haben momentan einen guten Ist-Zustand, für den wir Tag für Tag energisch trainieren.

Auch eine gewisse Besessenheit ist von den Spielern erforderlich. Letztendlich ist man aber nie zufrieden, sondern strebt danach, Dinge besser zu machen. Gerade die Spiele, die man hätte gewinnen können, beschäftigen einen etwas länger.

Redaktion: Gibt es eine perfekte Kadergröße?

Michael Köllner: Ein Kader mit 30 Spielern, die ich übernommen hatte, ist deutlich zu groß. Aktuell arbeiten wir mit 25 bis 26 Spielern. Eine gute Größe, mit der wir variabel sind. Davon viele junge Spieler, die froh sind, Teil der Trainingsgruppe zu sein. Trainingstechnisch sind die Spieler dadurch auch komplett reiz- und belastbar.

Redaktion: Wie wurde während des Lockdowns gewährleistet, die Spieler fit zu halten? Auch mental, um die Spieler auf die Saison unter neuen Umständen vorzubereiten?

Michael Köllner: Die Kommunikation mit der Mannschaft aufrecht zu erhalten war glaube ich das Wichtigste. Allerdings war es ungewohnt, jeden Tag mit Spielern nur zu telefonieren. Zuvor erfolgten Anrufe ausschließlich für Geburtstagswünsche, oder falls jemand verletzt war. Während der Coronaphase hatten wir hingegen viel persönlichen Kontakt über das Telefon oder Facetime. Einmal täglich haben wir uns außerdem zu einem gemeinsamen Zoom-Workout verabredet. Denn: Mannschaftssportler leben von gemeinsamer Arbeit. Täglich um neun Uhr haben wir uns daher zum gemeinsamen Sport verabredet. Auch ich habe teilgenommen. Die Spieler waren das Training eher gewohnt, ich – als Ausdauertyp – eher weniger. (lacht) Zusätzlich hatte jeder Spieler sein individuelles Lauf- und Fußballprogramm. Die Spieler waren dadurch sechs Tage die Woche gut beschäftigt.

Ungewohnt für uns war vor allem, dass wir auf einen unbestimmten Zeitpunkt hingearbeitet haben, denn niemand wusste, wann es weitergeht.

Das Ziel war, zumindest in einer Grundfitness zu bleiben. Denn seitens DFL und DFB wurde im Vorfeld klar kommuniziert, dass wir im Falle eines Re-Starts wahrscheinlich 14 Tage Mannschaftstraining bekommen würden, um uns auf den Spielbetrieb vorzubereiten. Also mussten wir uns entsprechend eintakten, damit maximal zwei Wochen ausreichen, um im Spiel gegen Duisburg wieder fit zu sein.

Redaktion: Für die Saison 2020/21 sind über 10.200 Dauerkarten verkauft. Derzeit müssen die Heimspiele coronabedingt dennoch ohne Zuschauer stattfinden. Haben Sie Sorge, die „fehlende Stimmung“ könnte die Mannschaft beeinflussen?

Michael Köllner: Selbstverständlich sind wir enttäuscht, dass unsere Fans nicht dabei sein dürfen, aber die Gesundheit geht vor. Umso mehr freuen wir uns, dass der Dauerkartenverkauf so sensationell gut läuft.

Das Gute ist, dass ein Großteil unserer Fans die „Herz-Variante“ gewählt haben. Das heißt, Karten ohne Rückerstattung gekauft haben. Daher bin ich froh, dass der Fansupport außergewöhnlich groß ist.

Als der Vorverkauf der Dauerkarten bereits begonnen hat, war bereits klar, dass wir von 17 auslaufenden Verträgen nur einen verlängern würden. Dem stand bis dato nur ein externer Neuzugang gegenüber. Daher war mit dieser Reaktion unserer Fans nicht unbedingt zu rechnen. Umso mehr freue ich mich über das Gespür der Fans, die uns damit zeigen, dass wahrscheinlich doch vieles richtig ist, was wir hier machen. Nicht nur deswegen hoffe ich natürlich, dass Fans bald wieder ins Stadion dürfen.

Mittlerweile ist es leider aber ein gewohntes Bild, vor leeren Kulissen zu spielen und wir haben die Situation angenommen.

Doch besonders, wenn die Beine gegen Ende des Spiels müde werden, fehlen die Fans schon sehr. Im Auswärtsspiel einen kompletten Block mit 60er Fans zu sehen, gibt uns normalerweise einen richtigen Push. Genauso zu Hause im restlos ausverkauften Grünwalder Stadion. Wann auch immer wir einen besonderen Erfolg erringen, hoffen wir, ihn mit den Zuschauern feiern zu können.

Redaktion: Wie machen sich Besonderheiten durch Corona sonst im Alltag bemerkbar?

Michael Köllner: Bei jedem Coronatest – Minimum einer pro Woche – gibt es bei allen Teams eine große Unsicherheit, ob er komplett negativ ausgeht. Der Worstcase, das Training komplett still zu legen, schwebt dabei wie ein Damoklesschwert über den Vereinen.

Redaktion: Unter dem Leitgedanken „Mission Comeback“ hat die Bayerische das Sponsoring deutlich erhöht und es insgesamt auf rund 2 Millionen Euro verdoppelt. Inwiefern werden die finanziellen Mittel für den Aufstieg geplant?

Michael Köllner: Soweit ich weiß, geht das Geld in den Kader. Das Wichtige ist, dass wir einen so treuen und hochengagierten Partner wie die Bayerische an der Seite haben.

Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass entschieden wurde, das Sponsoring zu erhöhen – vor allem in diesen aktuell schwierigen Zeiten. Das kann man nicht ausreichend würdigen und wertschätzen!

Daher hoffe ich auch, dass sich das Sponsoring für die Bayerische auszahlt. Für uns war es wichtig, den Etat zu erhöhen. Anders wäre es eng geworden, sich personell gut für die Saison zu rüsten. Die aktuelle Liga ist unberechenbarer als sonst. Wir fangen zwei Monate später an als üblich und haben keine Winterpause. Die Saison hat dadurch einen anderen Charakter und es ist besonders wichtig, sich gewissenhaft darauf vorzubereiten. Dass wir das tun konnten, haben wir auch der Bayerischen zu verdanken. In unserem Verein – so nehme ich es wahr – arbeiten derzeit viele Leute an einem gemeinsamen Ziel.

Redaktion: Sie haben ein neues Buch „Führen, Coachen & Managen im Fußball“ geschrieben. Was war der Gedanke dahinter? Wer ist die Zielgruppe und worin liegt der Mehrwert für den Leser?

Michael Köllner: Der Gedanke dahinter war nicht, reich zu werden. Dafür müsste ich Romane oder Krimis schreiben (lacht). Vielmehr bin ich ein Mensch, der seine Arbeit im Verein und im Fußball relativ gewissenhaft dokumentiert. Um alles im Kopf zu behalten, schreibe ich es auf. Dadurch machte es mit der Zeit Sinn, alles in Buchform zu fassen. Zum anderen lese ich selbst gerne viel und bin froh, wenn andere Leute etwas schreiben, das mich inspiriert, weiterbringt und Input gibt. Man kann nicht immer nur nehmen, sondern muss auch ein stückweit geben. Das Buch richtet sich an alle, die etwas mit Fußball zu tun haben. Ich hoffe, hier findet der eine oder andere eine Inspiration.

Redaktion: Wer sind denn in Ihrem Bücherregal die literarischen Vorbilder?

Michael Köllner: Grundsätzlich lese ich gerne Krimis, vor allem bayerische. Ich habe außerdem zwei Kisten voll mit Büchern, die ich von Verein zu Verein schleppe. Das sind Bücher über Trainingslehre, und so weiter, aber auch Bücher, die sich mit den Themen Motivation und Wertevermittlung auseinandersetzen. Zudem sind Fachbücher zu Führungsverhalten und Management meine Favoriten.

Titelbild: © TSV 1860 München