Die Auswirkungen des Brexit zeigen sich in vielen Aspekten, ganz konkret unter der Wasseroberfläche der Nordsee: Die Fischereirechte zwischen Großbritannien und der EU sind klar geregelt. Ohne klares Abkommen allerdings könnte es zu Überfischung kommen, warnt die Umweltorganisation WWF.

Die EU fischt in großen Teilen des Atlantiks und der Nordsee gemeinsam mit Großbritannien. Der Zugang zu britischen Gewässern war einer der Knackpunkte in den Brexit-Verhandlungen. Angesichts der noch laufenden Verhandlungen einigten sich die EU-Fischereiminister Mitte Dezember mit dem Vereinigten Königreich nur auf eine vorläufige Fischquote für 2021 in der Nordsee und im Atlantik.

Brexit: Finale Reglementierung für Fischfang fehlt noch

Für die meisten Bestände wurde eine anteilige Beibehaltung der Fangmengen aus dem Vorjahr für die ersten drei Monate beschlossen – 25 Prozent davon dürfen vorläufig von Januar bis März 2021 gefangen werden. Diese Entscheidung ist Voraussetzung, ab dem 1. Januar – dem offiziellem Austrittsdatum Großbritanniens aus der EU – überhaupt in diesen Gewässern fischen zu dürfen.

Auch im Februar 2021 steht die Einigung mit Großbritannien über die künftigen Fischfangmengen noch aus. Nach Beratungen der EU-Fachminister verkündete der zuständige EU-Kommissar Virginijus Sinkevičius: “Wir sind weiterhin zuversichtlich, dass wir uns vor Ende März auf endgültige Fangmöglichkeiten für 2021 einigen können.” Mehr als 70 Fischbestände sind davon betroffen. In den Verhandlungen geht es auch um deren nachhaltige Nutzung.

Fisch als Handelsmasse: Nachhaltigkeit ist in Gefahr

WWF-Fischereiexpertin Stella Nemecky kritisiert die Verhandlungen: Fisch dürfe als Allgemeingut nicht zur Verhandlungsmasse werden. “Wir brauchen einen guten Kompromiss mit dem Ziel gesunder Fischbestände, statt sich mit Blick auf kurzfristige Gewinnmaximierung um den letzten Fisch zu streiten.” Sie bezweifelt, dass die Verhandlungen die geforderte Balance zwischen Umweltschutz und sozioökonomischen Fragen finden.

Das Problem sieht sie im Lebensraum Wasser an sich – dort könnten Fische schließlich ungehindert schwimmen, ohne sich an territoriale Grenzen zu halten. Um Überfischung zu verhindern, braucht es nach Ansicht des WWF eine gemeinschaftliche und nachhaltige Kontrolle dieser Bestände durch alle Fischereistaaten, und das ungeachtet ihres Aufenthaltsortes. Ein weiterer Störfaktor sei die Klimakrise. Durch die Erhitzung der Gewässer wanderten die Fischvorkommen mehr.

Betroffene Fischart: Der Hering landet tonnenweise im Netz

Der Hering im Nordostatlantik gehört beispielsweise zu einer Fischart, die unter Klimakrise, Überfischung und multilateralen Verhandlungen über Fangmengen leidet. Er stellt den größten Bestand und das größte Fangvolumen dar. Durch seine Wanderung in Richtung Norden erheben andere Staaten einen Anspruch auf ihn und wollen ihren Anteil nicht verkleinern.

Bis März 2021 macht dieser Anteil nach der bisherigen Regelung ein Viertel der Gesamtmenge von 2020 fangen. Das wären laut Landwirtschaftsministerium 9851 Tonnen Hering, der aus den wichtigen Nordseebeständen entnommen werden darf. Nicht nur der WWF kritisiert die Reglementierung des Fischfangs. Auch Greenpeace-Meeresbiologe Thilo Maack warnte davor, dass “die Überfischung in Europa auch im Jahr 2021 weitergehen” werde. Er kritisiert die Kontrolle und Umsetzung, die aus seiner Sicht zu lückenhaft seien oder gar nicht stattfänden. Maack schlägt daher vor: “Langfristig sichern lassen sich die Bestände nur durch großflächige echte Schutzgebiete ohne menschlichen Zugriff.”

Folgen der Fischerei: Die Bestände schrumpfen rapide

Das Ergebnis jahrelanger Fischerei ohne klare Reglementierung zeigt sich in einem rapiden Rückgang der Bestandsgröße. Laut WWF-Angaben hat sich innerhalb der vergangenen zehn Jahre der Bestand halbiert. Inzwischen liegt er an der Untergrenze zur nachhaltigen Bewirtschaftung. In Folge verlor die Fischerei das Nachhaltigkeitssiegel. Das Schicksal könnte auch der Heringfischerei in der Nordsee passieren.

Noch dramatischer zeige sich die Situation für den Kabeljau in der Nordsee, warnt WWF-Expertin Stella Nemecky: “Wenn keine gemeinschaftliche und nachhaltige Lösung mit dem Vereinigten Königreich gefunden wird, kann das den Zusammenbruch des Bestandes bedeuten.” Noch düsterer sieht es ihrer Ansicht nach nur noch im Mittelmehr aus. Dieses sei durch “Raubbau” überfischt und jegliche wissenschaftliche Empfehlungen würden seit Jahren ignoriert.

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